• Thomas

Liebe und Wut mit den Kindern

Kürzlich hat mir eine Bekannte erzählt, dass sie oft so eine Wut hat, weil ihr Jüngster so ganz anders ist, als sie ihn gerne hätte. Im Laufe des Gesprächs, während ich ihr zuhörte, kam sie darauf, dass diese Wut davon kommt, weil sie gern sicher gehen möchte, dass es ihrem Sohn gut geht und dass er seinen Weg findet, sie aber befürchtet, dass er dies nicht schaffen könnte. Sie würde gerne vertrauen können, dass es ihm gut geht, dies wäre eine große Entlastung für sie.

Ihr fiel dabei auf, dass es eigentlich seltsam ist, aus diesem Grund so wütend zu sein, und auch nicht hilfreich, aber dass es einfach immer wieder passiert. Ich sagte ihr, dass ich das aus eigener Erfahrung kenne, dass es bei mir inzwischen oft schon anders ist, und ob sie dazu aus meiner Sicht etwas hören möchte. Als sie bejahte, versuchte ich, ihr zu beschreiben, was mir in ähnlichen Situationen sehr weiter geholfen hat. Und obwohl ich den Eindruck hatte, dass ich es etwas umständlich auf den Punkt brachte, war sie begeistert und hat sich bedankt, dass diese Sichtweise ihr einen ganz neuen Horizont eröffnet. Deshalb habe ich mich zu dieser FRIEDISCH Geschichte entschlossen, einerseits, damit ich selbst es möglichst pointiert und klar auf den Punkt bringe, andererseits um vielleicht auch den Lesern Inspiration zu bringen.

Es ist nun schon einige Jahre her, als Michael, unser älterer Sohn, mit 17 beschlossen hat, die HTL in der dritten Klasse abzubrechen. Er plante, eine Lehre zu beginnen, aus der aber dann nichts wurde. Es folgten vier Monate, in denen er zu Hause war, und praktisch nichts tat, wo ich auch bemerkte, dass er niedergeschlagen, antriebslos,  reizbar und unglücklich war. Ich bemerkte, dass ich immer wütender auf ihn wurde, und starke Urteile in mir trug wie: „Er ist faul und unnütz, liegt uns nur auf der Tasche, was soll bloß aus ihm werden.“ Und natürlich auch: „Das ist eigentlich unsere Schuld, wir haben ihn falsch erzogen, haben ihm zu viele Freiheiten gelassen.“

In der Selbstempathie betrachtete ich meine Urteile und meine Wut, und konnte auch beides gut zulassen. Die Bedürfnisse darunter wurden mir Schicht für Schicht klarer, dabei veränderten sich auch meine Gefühle. Von den sehr vielen Bedürfnissen versuche ich nun die jeweils zentralsten zu erwähnen: Oberflächlich waren Selbstverantwortung und Entlastung da mit dem Gefühl des genervt seins. Darunter zeigten sich Unterstützung und Sicherheit mit dem Gefühl der Frustration, dann folgten Klarheit und Fürsorge gepaart mit Zerrissenheit, und schließlich kam ich an bei Liebe, Vertrauen, Wohlergehen und einer tiefen Traurigkeit und Hilflosigkeit.