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Verstehen versus einverstanden sein

Ich war bei meinem Sohn Michael zu Besuch, wo auch Florian und noch zwei andere Freunde da waren.


Einer sagte: „Ich lasse mich so schnell wie möglich impfen, damit ich meine Ruhe habe.“ Michael, der wie ich dieser neuartigen Impftechnologie gegenüber skeptisch ist, antwortete: „Sei doch nicht dumm, du bist überhaupt kein Risikopatient, weshalb solltest du dich impfen lassen?“  Da wiederum wurde der Freund etwas ungehalten und erklärte: „Wir alle trinken Alkohol und ernähren uns immer wieder von Fast Food oder sonstigem Müll, der sicher auch nicht gesund ist. Was hast du jetzt mit dieser Impfung für ein Problem?“ Dabei wurde der Ton schon etwas lauter und gereizter.


Michael sagte dann: „Lassen wir das Thema, da kommen wir nur ins Streiten, das hat eh keinen Sinn.“ Der Freund entgegnete: „Ja, ist wahrscheinlich besser so“. Daraufhin entstand eine Pause, und ich vermute, dass die beiden nach einer Weile über ein anders Thema gesprochen hätten.


Ich wollte jedoch gerne mit dem Freund darüber sprechen, obwohl ich nicht seiner Meinung war, interessierte mich diese. Dafür ließ ich als erstes den Gedanken los, dass meine Meinung die „Richtige“ und seine Meinung die „Falsche“ sei, und ich fragte ihn: „Verstehe ich richtig, dass du dich nicht aus Angst vor Corona impfen lassen willst, sondern weil du endlich wieder unbeschwert leben möchtest?“ Er antwortete: „Ja, klar, alle Jungen, die ich kenne, lassen sich nur deshalb impfen“, und er erzählte von seinem Hobby, das er leider erst wieder ausüben könne, wenn er geimpft sei.


Ich habe ihm noch eine Weile zugehört und er hat von seinem Hobby erzählt, bis ich bemerkt habe, es entsteht eine Pause. Ich habe dann gesagt: „Ich kann den Grund, weshalb du dich impfen lassen möchtest, sehr gut nachvollziehen. Gleichzeitig bin ich schockiert, wenn ich das höre, weil ich mir wünsche, dass alle frei und selbstbestimmt ohne Druck entscheiden können, ob sie sich impfen lassen wollen. Verstehst du, was ich meine?“  


Daraufhin entspann sich ein Gespräch über sicher eine halbe Stunde, wo wir uns austauschten zu verschiedenen Sichtweisen. Es war für mich inspirierend, von ihm zu hören, dass er viele Dinge anders sah als ich und auch ganz andere Informationen hatte. Und dadurch, dass er bemerkte, dass ich ihn nicht von der Richtigkeit meiner Sichtweise überzeugen wollte, konnte auch er meine konträre Meinung gut hören und einfach stehen lassen.


Am Schluss sagte er: „Ja, es gibt so viele verschiedene Informationen, dass es unmöglich ist, zu wissen, was davon stimmt, und was nicht.“ Ich ergänzte: „Das sehe ich genauso, vielleicht zeigt sich irgendwann in der Zukunft, wer von uns beiden die zutreffenderen Informationen hatte. Bis dahin möchte ich offen bleiben und mir alle Meinungen anhören. Danke für das Gespräch.“


Damit war wieder eine harmonische Stimmung eingekehrt, und wir redeten über andere Dinge, ohne dass wir versuchten ein bestimmtes Thema zu meiden. Diese Art des Miteinanders würde ich mir in allen Diskussionen wünschen, und meines Erachtens braucht es nicht viel mehr dazu als:


1. den Gedanken loszulassen, dass wir allein im Recht sind,

2. offen zu sein, um zu erkennen, worum es den Anderen eigentlich geht, jenseits von richtig oder falsch (= welches Bedürfnis vertreten sie durch ihre Strategien?)

3. aufrichtig auch unsere Sichtweise erläutern im Bewusstsein, dass auch die Anderen nicht allein im Recht sind


Ich hoffe, es kehrt mehr und mehr Offenheit im Austausch ein. Die Spaltung, die durch die derzeitige Frontenverhärtung entsteht, wo die einen als „Coronaleugner“ und die anderen als  „Gehirngewaschene“ bezeichnet werden, finde ich fast schlimmer als die Krankheit selbst.


Über Rückmeldungen zur Friedisch Geschichte freue ich mich, auch wenn sie andere Meinungen darstellen. Thomas



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