• Thomas

Nicht weil..., sondern obwohl...

Ich unterrichte auch an der Fachhochschule für Medizintechnik in Linz das Fach Soziale Kompetenz, ein Gutteil davon ist Gewaltfreie Kommunikation. Im Zuge eines dieser Seminare hat sich folgende Geschichte im Seminarhaus ereignet:

Im Seminarhaus war gleichzeitig eine Fastengruppe, welche täglich eine Fastenkohlsuppe zubereitet hat, die einen sehr intensiven Geruch verbreitete. Das konnte ich akzeptieren. Darüber hinaus war die Dame, die das Fasten leitete gerne in Socken unterwegs, was ich auch ok war. Was ich nicht akzeptieren konnte, war, dass sie ganz zu Beginn, noch bevor meine Studenten angekommen waren, von mir verlangte, das Haus auch ohne Schuhe zu betreten, und da Argumente brachte wie: „Schämen Sie sich nicht, das Haus mit Schuhen zu betreten, laufen Sie zu Hause auch mit Schuhen ein und aus? Wer putzt dann den Dreck weg? Lässt sich Ihre Frau das gefallen?“ Für mich am schlimmsten war, dass die Dame dies in einem Atemzug so schnell vorbrachte, dass ich zuerst nicht zu Wort kam, und wie ich zu einer Antwort ansetzen wollte, hat sie sich umgedreht und ist weggegangen.

Ich war irgendwie in einer Zwickmühle. Einerseits hatte ich sogar Hausschuhe mit, und es wäre kein Problem für mich gewesen, meine Schuhe am Eingang zu lassen, obwohl dies von Seiten der Seminarhausbetreiber nicht notwendig war. Andererseits merkte ich, dass ich großen Widerwillen verspürte, dieser Forderung nach zu kommen. Mein Bedürfnis nach Augenhöhe und Gleichwertigkeit waren unerfüllt. Dafür habe ich mir das Bedürfnis nach Selbstbestimmung erfüllt, und habe weiter mit den Schuhen das Haus betreten.

Als am nächsten Morgen meine Studenten ankamen, habe ich sie vorgewarnt, und ihnen gesagt, sie brauchten die Schuhe nicht auszuziehen, auch falls das ein anderer Gast verlangen sollte. Ich habe dieses Beispiel mit der Dame dann als lebendiges Beispiel zum Unterscheid zwischen Bitte und Forderung gebracht und habe den Studenten lebhaft geschildert, was gerade bei mir ablief. Ich endete damit, dass ich zu den Studenten sagte: „Wenn es für Euch passt, dann ziehen wir die Schuhe unten am Eingang aus, und zwar nicht weil die Dame es gesagt hat, sondern obwohl…“

Leider habe ich die Dame dann nicht mehr getroffen, die Studenten haben mir nur erzählt, dass einer von ihnen von der Dame gelobt wurde, wie „brav er doch seine Schuhe auszieht“. An unserem letzten Abend hat es dann an der Tür des Seminarraums geklopft und sie hat uns einen Krug selbstgemachten frischen Fruchtsaft geschenkt, als Abschiedsgeschenk, da ihr Seminar einen Tag früher endete. Auch hier hatte ich nicht mehr die Gelegenheit, die Sache mit ihr zu klären, jedoch für mich hatte ich sie geklärt. Mir ist an diesem Beispiel so richtig bewusst geworden was Forderungen bewirken:

Wenn wir Forderungen stellen, ergeben sich folgende Möglichkeiten: A) Die andere Person hat ein sachliches Problem damit, das zu tun:

A1) Sie macht es trotzdem, weil sie eingeschüchtert ist (unwahrscheinlich, falls doch, dann beziehungsschädigend)

A2) Sie macht es nicht, und ist zudem noch trotzig (sehr wahrscheinlich und nicht beziehungsfördernd)


B) Die andere Person hätte kein sachliches Problem damit, das zu tun:

B1) Sie macht es, weil sie eingeschüchtert ist (unwahrscheinlich, falls doch, dann sehr beziehungsschädigend)

B2) Sie macht es nicht, weil sie trotzig ist (sehr wahrscheinlich und auch nicht beziehungsfördernd)

B3) Sie macht es, weil sie hinter der Forderung die Bitte heraushört, und sich bewusst dafür entscheidet, es zu tun, obwohl sie es nicht muss (sehr unwahrscheinlich, evtl beziehungsfördernd, wenn wir es nicht als selbstverständlich ansehen)


Wenn wir Bitten stellen, ergeben sich folgende Möglichkeiten: A) Die andere Person hat ein sachliches Problem damit, das tun: A1) Sie sagt nein, dann können wir gemeinsam nach anderen Lösungen suchen, die beiderseitig Bedürfnisse berücksichtigen (beziehungsfördernd und kreativ)


B) Die andere Person hat kein sachliches Problem damit, das zu tun: B1) Sie sagt Ja (beziehungsfördernd, wir freuen uns, weil wir wissen, es ist nicht selbstverständlich)


Dies berücksichtigend, ist es - sowohl für unser Gegenüber als auch für uns selbst - eindeutig vorteilhafter,  zu bitten statt zu fordern, damit unsere Wünsche mit höherer Wahrscheinlichkeit erfüllt werden. Thomas


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Nicola und Thomas Abler

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